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Olympus OM-D E-M10

Wir fotografieren seit langem ausschließlich mit DSLR-Kameras. Nicht, weil die "super Bilder machen", sondern weil wir hier von bewährter Technik sprechen, das Zubehör- und Objektivangebot entsprechend großzügig ist und weil wir aufgrund von haptischen Kriterien uns in diesem Bereich am wohlsten fühlen.
Mit "haptischen Kriterien" meine ich die (bauartbedingten) Eigenschaften einer DSLR, wie z.B. den großen optischen Sucher, des aufgrund der Sensorgröße guten Dynamikwertes und Rauschverhaltens und die Größe des Bodys (man hat einfach was in der Hand).

Natürlich erkauft man sich damit auch wieder einige Nachteile: Hohes Gewicht, hoher Preis der Ausrüstung, kein "What You See Is What You Get" im Sucher, usw. Seit Kurzem sind nun aber die Systemkameras auf dem Vormarsch, um eine Alternative zu den Spiegelreflex-Kameras zu bieten ohne die oben genannten Nachteile. Das Zubehör- und Objektivangebot steigt, die Bildqualität ist inzwischen auf einem hohen Niveau und es sind bereits die ersten spiegellosen Systemkameras mit Vollformatsensor auf dem Markt, die eine sehr gute Bildqualität versprechen. Viele Fotografen stiegen im vergangenen Jahr auf eine DSLM um (ich plädiere dafür, "Verkauf wegen Systemwechsel" zum Un-Satz des Jahres 2014 zu ernennen) und auch wir schauen gerne mal über den Tellerrand - man muss den Markt ja im Auge behalten ;-)

Braucht man Kamera aus einem ganz anderen System, das mit der bisher vorhandenen Ausrüstung nur bei den SD-Karten kompatibel ist? Objektive und Zubehör doppelt anzuschaffen ist doch eigentlich total unsinnig?
Ja - und ja.
Ich war es etwas leid, bei Tagesausflügen und Städte-Reisen immer den 10kg-Fotorucksack zu schleppen. Body, mehrere Objektive, Stativ, Filter, Intervalometer, usw. Sicher hätte ich mich auch auf Body und ein Objektiv beschränken können - das wäre aber auch wieder nur ein Kompromiss gewesen und unbedingt leicht ist die Kombination dann trotzdem nicht. Mal ganz von der Menge an Geld, die man da um den Hals trägt, abgesehen - es gibt Orte und Situationen, an denen man eigentlich eher nicht mit einer 3000EUR-Kameraausrüstung im Gepäck durch die Straßen laufen möchte.
Genau dafür suchte ich eine leichte und kompakte Kamera, die bezahlbar ist und bei Verlust/Defekt kein allzu großes Loch in's Portemonnaie reißt. Die Kriterien waren für mich:

- Klein genug für die Handtasche meiner Freundin
- Wechselobjektive
- Bildstabilisator im Body
- Klappdisplay mit LiveView
- WLAN
- guter elektronischer Sucher
- bezahlbar (Kamera und Kit-Objektiv max. 700EUR)

Als kleine, handliche Immer-Dabei-Kamera, die mir aber den Bedienkomfort und Einstellungsmöglichkeiten einer DSLR-Kamera bietet, habe ich ein Auge auf die Olympus OM-D E-M10 geworfen. Mit ihrem schicken Retro-Kleid erinnert sie mich an die früheren Zeiten, als ich mit einer alten analogen Spiegelreflex in die Fotografie eingestiegen war. Ich hatte mich sofort ein bisschen in die Kleine verliebt und war umso erfreuter zu sehen, dass die Auswahl an passenden Objektiven und Zubehörteilen großzügig und erschwinglich war. Schließlich wollte ich nicht in eine kleine Zweit-Kamera Unsummen für Objektive und sonstigen Krams investieren.

Dankenswerterweise hatte ich die Möglichkeit eine E-M10 mit 14-42mm Kit-Linse für einige Tage zu testen. Dank an Olympus und Phocus GmbH Achern für die Bereitstellung des Test-Kits.
Ich habe mich einige Tage mit der Kamera beschäftigt und möchte meine Erfahrungen und Meinungen in einem Review hier festhalten.

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Schick kommt sie daher, und mit der Pencake-Linse durchaus fast schon hosentaschentauglich.
Die von mir vorher festgelegten Kriterien erfüllt sie duchweg alle. Klappdisplay wollte ich unbedingt haben, um mich nicht immer auf den Boden legen zu müssen. Man wird im Alter halt eitel :-)

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Bei meinem Test-Exemplar fehlte leider die Augenmuschel am EVF, davon bitte nicht irritieren lassen!

Die Verarbeitung der Kamera wirkt insgesamt sehr gut. Das Gehäuse aus Magnesium-Legierung fasst sich sehr angenehm an und man merkt sofort, dass die Kamera nicht in der Knips-Kamera-Liga mitspielen mag. Die Materialanmutung ist sehr hochwertig, das Gehäuse wirkt sehr robust. Da klappert und knarzt nix, alles hat seinen Platz - auch das Scharnier des Displays geht angenehm schwer und straff. Als besonderes Gimmick wurde an der Rückseite ein kleiner "Griff" für den Daumen angebracht - das steigert das Handling nochmals ungemein. Die Verarbeitung setzt sich an der Front fort, auch hier sieht alles sehr robust und wertig aus.
Bravo, Olympus!

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Der hier montierte, optional erhältliche Handgriff, der die Kamera vorne um eine ausgeprägte Griffwulst erweitert und die Kamera nach unten hin nochmal etwas verlängert, kann ich jedem mit etwas größeren Händen wärmstens empfehlen. Die Haptik geht so etwas in die Richtung der DSLR-Bodys und unterstützt die angedachte Position der Kamera mit dem EVF an einem Auge. Die Display-Fraktion mag dies vielleicht etwas anders sehen.

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So viel zu den äußeren Werten. Eingangs erwähnte ich in meinen Kriterien u.A. dass ich WiFi in der Kamera haben will. Aber wozu will man das denn?
Ich suche ja eine Zweit-Kamera, für den Urlaub, den Tagesausflug, oder für "einfach so" dabei. Ich mag diese Bilder nicht mehr zu Hause in meinem sonst umfangreichen Workflow haben - ich sitze eh schon genug vor Photoshop und Lightroom :)
Dank WiFi kann ich schon vorher einiges mit meinen Bildern machen, noch bevor ich vom Urlaub zu Hause bin. Schnell mal die geschossenen Bilder des letzten Tages am Abend im Zimmer kurz sichten und grob aussortieren? Ein paar Fotos des Urlaubs an die zu Hause gebliebenen Liebsten schicken? Oder doch schnell für nen Reise-Bericht im Blog oder Facebook ins Web stellen?
Kein Problem! Fix das iPad / iPhone (Android geht auch) per WLAN mit der OM-D verbunden und los geht's. Das ist für mich mehr als nur "Spielerei" bei solchen Kameras. Die wenigsten werden mit einer so kleinen Systemkamera im Studio shooten o.ä. Für mich sind diese Kameras zum immer dabei haben prädestiniert.

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iPad mit kostenfreier Olympus OI.Share - App

Damit lassen sich nicht nur Bilder auf das iPad importieren um sie von dort weiterzuverarbeiten - auch lassen sich die Bilder direkt in der App mit den Olympus-Eigenen Filtern, die es auch in der Kamera gibt, bearbeiten. Hier ist z.B. die Canon-App deutlich sparsamer im Funktionsumfang.
Die App lässt sich aber auch als Fernauslöser verwenden. Prima, so spare ich mir die Anschaffung eines Fernauslösers - und herumtragen muss ich ihn im Urlaub dann auch nicht. Das iPhone hab' ich eh immer mit.

Kommen wir zum Herzstück der Kamera - dem Sensor. Gehäuse und WLAN schön und gut, aber wenn die Bilder nix taugen weil der Sensor schlecht ist nützt mir das auch nix.
Die Sensorgröße ist im so genannten Micro Four-Third (kurz mFT) Format gebaut und kommt in einem Seitenverhältnis von 4:3 (daher auch der Name) daher. Dies unterscheidet ihn somit vom Format von einer DSLR. Diese besitzen ein Seitenformat von 3:2. Aber auch die Größe ist deutlich kleiner. Der Cropfaktor beträgt beim mFT-System 2.0, bei APS-C sind des aufgrund des größeren Sensors nur noch 1.6. Follformat-Sensoren hingegen sind ohne Crop-Faktor (quasi Faktor 1.0).

Zum Größenvergleich hier der APS-C Sensor einer Canon EOS-M gegenüber der OM-D mit mFT-Sensor.

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So richtig deutlich wird hier der Größenunterschied nicht. Ja, der mFT-Sensor ist kleiner - aber so richtig haut das einen nicht um.
Nehmen wir jedoch einen Vollformat-Sensor in der Canon EOS 6D daher sieht das schon anders aus.

Allerdings ist nicht nur der Sensor deutlich größer, sondern auch der Rest der Kamera :)
Aber wie wirkt sich das auf die Bildqualität aus? Schließlich sind doch die Vollformat-Boliden bisher die Referenz im DSLR-Segment hinsichtlich Bildqualität, Dynamikumfang und Rauschverhalten.
Selbstverständlich kann die OM-D mit ihrem mFT-Sensor nicht mit dem Vollformat-Sensor konkurrieren, muss sie aber auch gar nicht. Die 16 Megapixel der Olympus sind für meinen Anwendungszweck mehr als ausreichend, ich könnte noch immer mein bestes Urlaubsbild ohne Probleme als großes Wandbild drucken. Genügend Reserven für einen Beschnitt des Bildes sind in jedem Falle auch vorhanden. Auch die Bildqualität selbst kann überzeugen. Für diese Preisklasse ein hervorragendes Ergebnis.
Beim Rauschverhalten ist sie in den unteren ISO-Regionen bis ca. ISO800 noch gut zu handeln, darüber wird's dann aber nicht mehr so schön. In der EBV lässt sich dies hinterher wieder etwas korrigieren, aber wir sind nicht auf dem Niveau der größeren Sensoren. Für LowLight-Shoots mit hoher ISO würde ich aber eh die DSLR nehmen wollen, von daher für mich kein K.O.-Kriterium.

Wir waren mit der kleinen mal im Gebirge und haben ein paar Langzeitbelichtungen bei Nacht gemacht.

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Hier hatte ich dann wirklich die ersten Probleme mit dem elektronischen Sucher. Kamera auf's Stativ und ausrichten - aber der Blick in den EVF zeigte - nichts. Dunkel wie die Nacht. Ebenso das Display war einfach nur schwarz. Ich konnte mit bloßem Auge noch problemlos vereinzelte helle Lichtpunkte im Tal erkennen, anhand denen ich die Kameraposition bzw. Bildausrichtung festlegen wollte. Aber die OM-D sah genau garnix.
Mir blieb somit nichts anderes übrig als Testbilder zu machen. Pro Bild 1-2 Minuten Belichtungszeit. Immer wieder Auslösen, warten, Position korrigieren, Auslösen, usw. Das Ganze war also eine ziemlich langwierige Prozedur, bis ich den gewünschten Bildausschnitt festgelegt hatte. Für gewöhnlich fokussiere ich bei Langzeitaufnahmen vom Stativ manuell. Zum Einen trifft der AF bei Dunkelheit nicht immer zuverlässig, zum Anderen will ich den Fokuspunkt zwischen den Aufnahmen nicht verändern (lassen).
Aber auch hier wieder konnte ich im Sucher nichts erkennen - manuell fokussieren unmöglich. Objektiv auf unendlich drehen geht auch nicht, da keine Entfernungsskala aufgedruckt ist.
Ich habe daher den Mond per AF fokussiert, dann den AF deaktiviert und hatte das Objektiv so auf Unendlich fokussiert. Geht - aber super unkomfortabel und fehleranfällig. Das muss echt nicht sein.

Zum Vergleich die 6D genommen - Sucherbild super klar und deutlich, die hellen Lichtpunkte sind perfekt zu sehen und der Bildausschnitt passte sofort. Das Objektiv besitzt eine Fokusskala und konnte somit manuell auf Unendlich gestellt werden.

Die Bilder aus der Olympus überzeugen dennoch.
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Mir hat die Olympus OM-D E-M10 viel Spaß gemacht und steht ganz oben auf meiner Wunschliste. Für mich ist sie die perfekte Kombination aus Bedienkomfort, Größe, Funktionen und Bildqualität zu einem erschwinglichen Preis um meine Immer-Dabei-Kamera zu werden. Mit ihr lässt sich tatsächlich auch ernsthaft arbeiten, da sie alle für mich nötigen manuellen Einstellmöglichkeiten mitbringt. Meine Kriterien werden alle erfüllt und sie sieht noch dazu echt sexy aus.

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